7 Gründe, warum du Battir in Palästina besuchen musst

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1. Du kannst dich erholen.

Es ist ganz neu auf der touristischen Landkarte im Heiligen Land, das palästinensische Dorf Battir. Der Besuch lohnt sich. Denn hier kannst du Landschaft erleben, wie sie am Westhang des Gebirges bei Bethlehem aussieht: Olivenhaine auf uralten Terrassen, oder auch bewässerte Terrassen mit Gemüsefeldern, oder Gräser, Büsche und Bäume zwischen den Kalksteinfelsen. Dein Auge jedenfalls erholt sich, vor allem, wenn du wanderst. Grün dominiert.

Vor vielen Jahren war ich wegen etwas ganz anderem gekommen: Altertümer, Archäologie, und eine Katastrophe aus der Geschichte des Jüdischen Volkes der Antike mit dem Römischen Weltreich. Tatsächlich gibt es noch ein paar Spuren vom enormen militärischen Aufwand der Römischen Legionen bei der Belagerung der letzten Hochburg der Aufständischen, von dem antiken Dorf Beitar dagegen kaum noch. Somit ist das nur noch ein weiterer Grund, wenn du deinen Reiseleiter dabei hast. Dann erst siehst du diese Spuren. Die Geschichte und was wir daraus lernen können – das wäre der achte Grund, nach Battir zu kommen!

Beitar: Die Gewalt frisst die Menschen, die sie befreien sollte (später mehr)

7 Gründe, warum du einen Reiseleiter mitnehmen solltest (später mehr)

2. Du hörst eine unglaubliche Geschichte vom kreativen Widerstand

Als ich zum ersten Mal nach Battir kam, wirklich und mit genügend Zeit, hörte ich von einer anderen, schier unglaublichen Geschichte. Es geschah in der Zeit von Flucht und Vertreibung in dieser Gegend, doch Battir existiert noch heute. Kreativer Widerstand einiger weniger half dem Dorf, Beobachtern gegenüber bewohnt zu wirken – als ob alle Bewohner noch im Dorf leben würden. Zum Glück tobte der Krieg woanders. Aus Angst waren aber die Bewohner anderer Dörfer komplett geflohen.

Kreativer Widerstand: Wie ein Dorf sich 1948 selbst rettete (später mehr)

Doch war Battir damit noch nicht außer Gefahr. Denn das Dorf lag im Niemandsland, und die endgültige Waffenstillstandslinie war noch nicht festgelegt. Diese Fixierung wiederum war Sache der Militärs, wie überall. In Battir mussten sich die wenigen, die da geblieben waren, etwas überlegen. Durch gute Kontakte zu Offizieren der jordanischen Armee wussten sie, wann die Kommission kommen würde. Lass dir auch diese Geschichte erzählen – und nimm dir einen Reiseleiter mit! Der Besuch lohnt sich.

Friedliche Konfrontation: Ein Dorf vertritt seine Interessen 1949 gegenüber Militärs (später mehr)

3. Du erlebst einen jungen Tourismus.

Battir ist neu auf der touristischen Landkarte Palästinas. Das Dorf ist weltoffen und gastfreundlich. Erst seit kurzem gibt es auch die entsprechenden Angebote, wie die Restaurants, die Wegweiser, oder einen kleinen Shop mit einheimischen Produkten. Dabei sind es eher die Jungen, die solche Angebote entwickeln. Spannend: gerade auch Palästinenser kommen gerne hierher. Manchmal sind es ganze Busladungen. Freitags siehst du auch so etwas wie palästinensische Individualtouristen. Battir ist inzwischen bekannt für seine Gastlichkeit. Bisher ist Battir wie ein Labor, in dem besonders erschwerte Bedingungen für eine Tourismus-Entwicklung getestet werden. Da die Menschen hier gut gebildet sind, weltoffen und neugierig, wirst du dich wohl wohlfühlen.

Battir als touristisches Ziel (später mehr)

4. Du kannst in einem schönen Dorf spazieren gehen.

Battir hat keine Durchgangsstraße. Das ist ein Vorteil: Der Verkehr im Ort ist so gering, dass du dort spazieren gehen kannst. Oder du wanderst dorthin oder von dort aus. Auch eine kleine Rundwanderung ist möglich. Nach der Vertreibung der Nachbardörfer 1948 gab es nur noch Husan als Nachbardorf. Battir lag quasi allein an der Waffenstillstandslinie, eine Art Frontlinie. Daher überlegten sich die führenden Köpfe in Battir, wie sie das Leben im Dorf nach 1948 ermöglichen, oder sogar verbessern konnten: Einkommen durch bessere Feldwirtschaft; Versorgung, auch im Bereich Gesundheit, sicher stellen; Bildung ermöglichen, auch für Mädchen, usw. – vieles gab es da zu bedenken!

In den fünfziger Jahren wurde beispielsweise auch das Problem der Müllhaufen im Dorf gelöst. Die Grundlagen für den schönen Anblick des Dorfes wurden damals gelegt. Möglich waren diese Errungenschaften nur durch den Arbeitseinsatz für die Gemeinschaft. Lerne eines der grundlegenden Prinzipien der palästinensischen Kultur kennen und lass dir die gemeinschaftliche Arbeit erklären. Denn diese Praxis ist heute noch Vorbild und kann das auch auch für die Besuchenden sein. Der Besuch lohnt sich, hier können wir voneinander lernen!

Dorf, Gemeinschaft und Entwicklung: Battir als Beispiel der 1950er Jahre

5. Du besuchst eine als UNESCO Welterbe aufgelistete Landschaft.

Auf die Listung als Welterbe-Kulturlandschaft ist ganz Palästina stolz. Es war schwierig, eine noch immer sehr ursprüngliche Landschaft zu finden, die beispielhaft für die typischen Terrassen des Berglandes südlich von Jerusalem stehen können. Die Landschaft westlich von Beit Dschala und Al-Khader, besonders das Gebiet Al-Makhrour, und weiter westlich die Pflanzungen von Battir, alles konnte erst durch Terrassen landwirtschaftlich genutzt werden. Bist du heute dort unterwegs, könntest du die Terrassen geradezu für naturgegeben halten, so wirkt diese Landschaft. Terrassen sind aber eine Art Generationenvertrag: Sie wurden über Jahrhunderte angelegt, gepflegt, repariert, erweitert. Oliven- oder Ölbäume brauchen Terrassen. Ebenso Mandelbäume, Aprikosen oder eben auch die Weinreben. Das Spannende an Battir ist darüber hinaus, dass es auch bewässerte Terrassen gibt für Gemüse, unter anderem auch eine endemische, d. h. einheimische Art der Aubergine, die Betindschan al-Battiri.

Olivenbäume und ihre Bedeutung für Bauernfamilien

Das Welterbe ist hier allerdings mit einer politischen Bedeutung aufgeladen worden. So wurde der Antrag der Palästinensischen Autonomiebehörde zunächst verschoben, aus Rücksicht auf anstehende Verhandlungen mit der Regierung in Israel. Außerdem musste das tatsächlich als Welterbe registrierte Gelände verkleinert werden. So war das Land jenseits der grünen Linie, also in Israel, ausgeschlossen. Ebenso ist die Pufferzone um das registrierte Gelände, sehr wichtig für das Welterbe, nicht besonders groß. Als die vielen Bedingungen im Eilantrag berücksichtigt waren, konnte er gestellt werden. Schließlich wurde 2014 „Palästina: Land der Ölbäume und Weinreben – Kulturlandschaft südlich von Jerusalem, Battir“ offiziell als Kulturlandschaft in die UNESCO Liste des Welterbes aufgenommen und zugleich auf die Liste der bedrohten Welterbe-Stätten gesetzt.

UNESCO World Heritage „Cultural Landscape South of Jerusalem, Battir“ (auf Englisch)

6. Du hast einen Blick auf die Eisenbahn.

Battir hatte also 1949 schweren Herzens auf seinen großen Vorteil, den Bahnhof verzichtet. Heute siehst du das alte Bahnhofsgebäude nicht mehr; denn es wurde bei der Sanierung der Strecke schwer beschädigt und dann abgerissen. Battir hatte bis zu Krieg, während der Mandatszeit, zweimal am Tag Verbindung zur Küstenstadt Jaffa, dreimal sogar nach Jerusalem! Unter osmanischer Herrschaft noch als Schmalspurbahn eröffnet, fuhren bald alle Besucher Jerusalems über diese Strecke. Der deutsche Kaiser allerdings benutzte den Zug damals nur abwärts! Später gab es am Eisenbahnknotenpunkt Lid / Lod Verbindungen in den Mashreq / die arabischen Länder, zu den urbanen Zentren.

Der Bahnhof Battir: die Eisenbahn wird zur Lebensader der Bäuerinnen und Bauern (später mehr)

Wenn der Bahnhof verloren ist, was bleibt den Bewohnern Battirs? Sie müssen sich anderweitig mit der Welt verbinden, durch Telefon und Straße zum Beispiel. Die Bewohnerinnen müssen sich weitere Einkommensmöglichkeiten schaffen, zum Beispiel durch einen Raum, in dem Frauen traditionelle Handarbeiten herstellen. Die Bewohner müssen die Lebens-Grundlagen ihres Dorfes pflegen, zum Beispiel die Bewässerungsanlagen. Alle müssen sich um Bildung, Schulen, auch für Mädchen, kümmern. All das ist passiert, in den 1950er Jahren. Schau es dir selbst an, der Besuch lohnt sich.

Entwicklung und Selbsthilfe eines Dorfes an der Frontlinie: Battir als Beispiel der 1950er Jahre

7. Du lernst den Nahost-Konflikt an einem Beispiel kennen.

In Battir triffst du auch auf die sogenannte grüne Linie. Diese Waffenstillstandslinie wurde in grün in die Karten eingezeichnet, oder in rot und grün, wenn sich die Kriegsparteien nicht einig waren. Die Linie verläuft unsichtbar in der Landschaft und gleich unterhalb des alten Ortskerns parallel zur Eisenbahnstrecke. Nach dem Krieg 1948 und dem offiziellen Waffenstillstand von Rhodos 1949 lag das Dorf plötzlich am Rand des eigenen Landes, ja an einer Art Frontlinie. An dieser Linie und ihrer Bedeutung wird der Konflikt besonders klar sichtbar.

Zwischen den Linien: Wie die Bahnlinie zur Bedrohung für ein Dorf wird (später mehr)

Der Waffenstillstand von Rhodos, oder besser der offizielle Zusatz, das sogenannte Amendment, erlaubte also den Bäuerinnen und Bauern, ihr Land beiderseits der Bahnlinie weiter zu nutzen. Wohlgemerkt, auf der israelischen Seite, jenseits der grünen Linie des Waffenstillstands. Inzwischen baut die israelische Armee eine Sperranlage. Aus der Sicht der Bewohner Battir besteht daher die Gefahr, den Zugang zu ihrem Land doch noch zu verlieren, trotz offizieller Regelung im Waffenstillstand. Die Koexistenz des Dorfes mit der Israelischen Eisenbahn wäre beendet, eine Mauer oder ein Hochsicherheitszaun entlang der Gleise würde das Tal teilen, und die Regelungen des Waffenstillstandes würden verletzt. Neuerdings sehen die Leute aus Battir eine weitere, für sie bedrohliche Entwicklung: Der Israelische Nationalpark Emek Refaim wird jetzt entlang des Tales nach Süden ausgedehnt. Dementsprechend könnten einseitig Schutzzonen erklärt werden, die dort das Bewirtschaften von Land verbieten.

Friedliche Konfrontation: Battir erreicht einen Zusatz zum Waffenstillstandsabkommen (später mehr)

Was kannst du tun? Wandern! Erholen! Wie kommst du da hin? Es gibt zur hellen Tageszeit einen gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr mit Bethlehem, die Servis-Kleinbusse in Orange. Auch der Bus 231 von Jerusalem nach Bethlehem ist eine Möglichkeit. Du kannst Battir ohne Gefahr besuchen, genießen und die vielen Geschichten hören. Du kannst konflikt-sensibel reisen. Nimm dir einen einheimischen Tour-Guide mit, ich meine eine ausgebildete palästinensische Reiseleiterin bzw. Erklärer. Die Geschichten rund um Battir sind unglaublich vielfältig und zugleich eine Chance, das Land mal ganz anders kennen zu lernen. Der Besuch lohnt sich. Im übrigen bin ich überzeugt, dass wir mit aufmerksamen Zuhören weiter kommen.

 

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